Meine größte Veränderung

Kaum ein Mensch kennt meine Vorgeschichte, kaum jemand kannte mich überhaupt vor ein paar Jahren.

Wo ich plötzlich herkam?

Ich war immer da. Ich war nur nicht schlank, blond, besonders hübsch oder aufregend.

Ich war unsichtbar in einer Welt aus angehenden und bereits fertigen Schönheiten.

Früher war das irgendwie anders. Ich erinnere mich an unbekümmerte Zeiten, in denen es völlig unwichtig war, wer welche Kleidung trug, wer wie aussah.

Dann kam der Wendepunkt. Und ich hasste ihn. Es muss etwa 2007 (Ich war 13) gewesen sein. Plötzlich war es unter den Jungs in meiner Klasse unausgesprochenes Gesetz, dass Nike´s getragen werden mussten. Sonst fehlte einfach Anerkennung. Coolness. Was auch immer. Die Mädchen schlossen sich teilweise an.  Es folgten mehr Trends.

Und als hätte uns jemand die Augen mit Politur gereinigt, stellten wir nach und nach fest, wie viele Mängel wir hatten.

Frisuren wurden wichtig. Gezupfte Augenbrauen. Make-up. Figur. Handys (und vor allem die Vertragsanbieter. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Frage: Hast du D2? Ohne hat dich keiner angerufen.)

Vor diesem unliebsamen AHA- Erlebnis war ich mit mir zufrieden. Ich war charismatisch, selbstsicher, etwas vorlaut, direkt und fühlte mich irrsinnig schön. (An dieser Stelle muss ich selbst grinsen. Aber so war es nun mal. Ich sah mich irgendwie durch die unschuldige, rosarote Brille eines Kindes. Und das, was ich sah, gefiel mir.)

Die anderen sahen das:

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Ich versuch es mal neutral zusammenzufassen: Da sitzt ein ziemlich kleines Mädchen mit Übergewicht, ohne Proportionen, ungekämmten Fitz-Haaren, ausgeleierten, nicht zeitgemäßen Klamotten und sie zieht einen Kajal-Strich um ihre Augen, der drei mal so dick ist, wie ihre- mit grünem Schminkstift- nachgemalten Augenbrauen.

Das zu meiner optischen Ausstrahlung.

Und falsch war das nicht. So sah ich nun mal aus. Allerdings war das plötzlich falsch.

Ich wurde mehrfach auf meine „Fehler“ aufmerksam gemacht. Einer der schlimmsten blieb fest eingebrannt: „Lauras Bauch ist größer, als ihre Bowlingkugel.“ Ich meide das Spiel bis heute.

Ganz nach der (erfundenen, bescheuerten, absolut abartigen) Regel „Der Bauch muss immer flacher sein, als die Brüste“ begann mein Gewichtskampf (- werde ich nicht weiter ausführen und möchte auch nicht, dass irgendjemand auf die Idee kommt, mir diesen nachzutun). Da ich nunmal keine Oberweite hatte, war mein Ziel viel zu heftig. Es war die Hölle. Die Kindheit endete schlagartig, ich musste Verantwortung für mich und meinen Körper übernehmen. Letztlich schaffte ich es, mein Körpergewicht fast zu halbieren. Ich wuchs über zehn Zentimeter. Mein Glück, denn die Haut hätte das sonst nicht gut weggesteckt.

Und schon war nichts mehr einfach. Zu dick, zu dünn, neue Klamotten, Hautprobleme, Haarausfall oder Haarwuchs, dazu Teenagerhormone und der Versuch, irgendeinen Platz in dieser Welt zu finden.

Ich war unsicher, ängstlich, oft traurig und leise. Ich verschwand zwischen jenen, die ebenfalls mit diesem neuen System zu kämpfen hatten.

Während die einen aufblühten, fielen die anderen einfach nicht mehr auf. Wobei einfach das falsche Wort ist. Für mich war es keine schöne Zeit. Ich fühlte mich einsam. Unverstanden. Anders,- nur mit vielen Mitgliedern in diesem traurigen Club.

Und dann sehe ich mich heute.

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Und ja, ich bin mittlerweile zufrieden mit meiner Optik, aber darum geht es nicht.

Ich bin glücklich. Endlich.

Ich brauche keinen Zuspruch mehr, um mich lieben zu können. Ich stehe zu jedem Fehler, den ich mache, denn letztlich heißt  „Charakterstärke haben“ nichts anderes, als das. Alles, was man sagt oder tut, bedingungslos zu akzeptieren und nicht schön zu reden. Stolz sein können. Aber auch mal enttäuscht. Und sich trotzdem immer zu lieben.

Das war und ist ein Lernprozess. Ich tauchte vor ein paar Jahren auf, weil ich optisch nun eher dem Ideal entsprach. Unsicher war ich trotzdem. Ich war immer noch die gleiche Person.  Die drastische Veränderung brachte nicht den gewünschten Effekt.

Für mich begann erst mit dem Moment, als ich endlich wirklich aufwachte, ein komplett neuer Abschnitt. Ein selbstbestimmter Abschnitt.

Deshalb ist meine größte Veränderung sicher nicht diese, die mein Aussehen betrifft. Nicht das Gewicht-Reduzieren oder Haare-Färben war entscheidend.

Von einem gebrochenen Mädchen zur starken Frau. Und mal sehen, wohin noch. 🙂

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PS: Wir alle können helfen, Selbstliebe zu fördern.

Worte verletzen manchmal mehr als Schläge. Das sollte bereits früh vermittelt werden.

Heutzutage ist es „normal“ geworden, Markenklamotten und Medienpräsenz über Beliebtheit entscheiden zu lassen.

Wo sollen die inneren Werte entwickelt werden? Unsere Welt versteckt sich hinter dem schönen Schein, hinter Instagram und Facebook, Snapchat und anderen Ablenkungen. Die schlechten  Nachrichten werden weggeschalten oder weitergescrollt. Charaktere können so nicht entwickelt werden.

Ich vermisse oft die Zeit, in der unbeschwert einfach die oberste Kleidung aus meinem Schrank griff, ungeachtet dessen, ob sie harmonierte.

Nachtrauern hilft nichts und Entwicklung ist großartig. Allerdings können wir darauf achten, Werte weiterzugeben.

Liebst,

Laura ♥

Bildquelle: https://www.brennemann-coaching.ch/veraenderung-entwicklung-berufliche-neuorientierung/