Omi sagt, Ohren braucht man nicht zum laufen.

Omis sind unerschöpfliche Quellen wunderbarer Erzählungen und Weisheiten.

Ich höre so gern zu, wenn meine Uromi aus ihrer Vergangenheit erzählt. Abgesehen von spannenden Familiengeschichten, habe ich mit ihr eine echte Zeitzeugin vor mir sitzen. Fast 100 Jahre Geschichte.

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Sie hat alles mitbekommen: die Reichsmark, deutsche Mark, „Klebemark“ in der DDR, den Euro, Hitlers Anfänge, seinen Aufstieg, seinen Untergang, die Einschränkungen, die mit Kriegen, Armut, Mauern und Gesetzen einhergingen.

Sie hat so viel überstanden, hat sich nie brechen lassen und ist in meinen Augen ein Engel in Menschengestalt.  Nie habe ich einen freigiebigeren, gütigeren Menschen getroffen. Was sie kochte, schmeckte nach Liebe und Geduld. Bei ihr zu schlafen, war, wie sich in Wolken zu kuscheln, weil sie dein Bett aufschüttelte und dir die Decke bis zum Kinn zog. Ihr Garten war ein Paradies für jedes Kind. Und essen durfte man alles. 


Damals wie heute – sie ist unglaublich. 

Sie kann ihre Lieblingsbücher noch immer fast komplett auswendig. 

Sie singt alle alten  Lieder ohne Text fehlerfrei mit, wippt mit den Füßen und betont immer wieder, dass sie nicht singen kann. Gut, das stimmt. Aber ich werde immer wieder mit ihr singen.♥

Man lernt viel, wenn man Omis genau zuhört.

Sie hat mir beigebracht, das merkwürdigste Schwein aller Zeiten zu malen. Dabei sagt sie einen Spruch auf und am Ende ensteht eine Art fettleibige Spitzmaus.

Ich bereite, dank ihr, eine Mehlschwitze richtig zu und beherrschte ein lustiges Fingerspiel, welches mich als Kind fasziniert hat, ohne Ende.

Ich kenne fast alle essbaren Pilze und stelle mir beim Sammeln immer ihr Gesicht vor, wenn ich ein besonders schönes Exemplar finde. Sie kann sich so ehrlich freuen.

Ich weiß ziemlich viel über meine Wurzeln, weil sie mir alles erzählt hat. Ich kenne ihre Mutter und ihren Vater, ohne sie je kennengelernt zu haben (natürlich, ich bin erst 23). Die Geschichten und wenigen Fotos ergeben ein so dichtes Bild in meinem Kopf, dass ich manchmal vergesse, dass sie vor meiner Geburt gestorben sind.

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Ich weiß, was sie gern isst und in den meisten Fällen auch, wie (Leberwurstbrot zusammengeklappt, allgemein viel Butter; alles sehr heiß und nicht so gern zweimal hintereinander. Nudeln sind auch nicht so ihr Fall. Und so weiter. Könnte ich ein ganzes Buch mit füllen). Ihre Getränke-Wünsche kenne ich auch zu gut. Viel Zucker in den Tee, aber keinen Krümel in den Kaffee.

Ihre Lieblingslieder kenne ich, genau so, wie ihren Leblingskünstler (Heino) , ihre liebsten Filme (Sissi) und ihre liebsten Kleidungsstücke.

Mein Kleidungsstil wird ab und an auch ausgewertet. „ist das modern?“ – wenn die Frage kommt, weiß ich schon, dass es ihr nicht gefällt. Löchrige Hosen und oder wilde Lockenmähnen sind nicht ihre Favoriten. Im Kleid gefalle ich ihr gut. 

Ihre Ratschläge sind immer gut, ihre Weisheiten Gold wert.

Mamas Lieblingsspruch: „Heile, heile Segen, drei Tage Regen, nach drei Tagen gibt es Schnee, dann tut dem Mäusele nichts mehr weh“. Dabei hat sie auf die Wunde gepustet. Und jeder fühlte sich danach besser. Die Zauberkraft von Omis.

Von Faulheit hielt sie nichts. „Lange Fädchen, faule Mädchen. Kurze Fädchen, fleiß´ge Mädchen“ – wer näht, versteht. Überhaupt ist sie ein wandelndes Spruchlexikon.

Über Männer hab ich von ihr auch einiges gelernt. Sie wollte damals immer so gern einen, der schöne Knöpfe an der Uniform hat. Verehrer hatte sie viele.  Und niemals „einen kleinen Mann“, auch wenn ihre Lehrmeisterin das empfohlen hatte, weil sie selbst groß war. „Ich hab einen großen Mann geheiratet und meine Kinder sind ganz normal geworden.“ Dabei lacht sie.

Gestern las ich ihr „Hans Wundersam“ vor, eines ihrer drei Lieblingsbücher. Eigentlich weiß ich genau, wann sie etwas zum Text sagt, wo sie gern die Bilder ansieht oder was ihr besonders gefällt.  Ich sprach: „Ein kleiner Engel hockte da. Der weinte sehr und greinte sehr und konnte nicht nach Hause mehr. Weil ihm ein Flüglein steif gefror, und auch die Händlein und das Ohr…“ Und Omi sagte: „Ein Ohr braucht man ja auch zum laufen!“ – meine Mutter und ich lagen fast am Boden vor lachen. Humor hat sie immer noch. Und sie wird mich immer inspirieren.

Verbringt Zeit mit euren Omis, so lang ihr könnt. ♥

Laura