Stiefvater

WEITER GEHT DAS PROJEKT „FREMDAUTOR“. Anonym werden hier für euch Gast-Autoren die absoluten Tabu-Themen anschneiden. Dinge, die man öffentlich niemals erzählen würde, die aber -einmal von der Seele geschrieben- vielleicht einigen Menschen helfen könnten. Hier werden Fragen beantwortet, die wir uns alle stellen, aber nie fragen. Ich gebe nur das grobe Konzept vor: erzähl deine Story und beantworte schon im Text die Fragen, die beim Lesen aufkommen. Sei absolut ehrlich. Und dann lasse auch ich mich überraschen.

Hier kommt der dritte Autor mit seiner Geschichte.

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„Ich weiß, es gibt Familien, da lieben sich Ersatzvater/-mutter und Ersatzkind innig. Und das ist wundervoll. Die sollten auch gar nicht weiterlesen, denn sie machen alles gut und richtig.

Aber meine Geschichte ist anders. Ich erzähle sie nur aus einem Grund. Vielleicht gibt es Menschen in ähnlicher Situation. Und vielleicht hilft es ihnen.

Es ist so, dass ich in meinen Leben zwar nicht immer wusste, was ich will – aber doch sehr genau, was ich n i c h t will. Das ist für einen Erwachsenen schon nicht immer einfach, aber für ein Kind ist dieses Wissen eine echte Herausforderung. Dazu verfüge ich über einen ausgeprägten stummen Starrsinn oder positiv ausgedrückt, eine große Zielsstrebigkeit, mit der ich meine Nicht-Ziele umgehe, um meine eigentlichen Ziele anzusteuern. In meinen ersten Jahren fanden das viele Erwachsene möglicherweise seltsam, aber mein Leben verlief dennoch recht harmonisch. Freundliche Menschen umgaben mich, die mich meist so sein ließen, wie ich war. Ich war ein stilles Kind und fiel nicht sehr auf. Manchmal vergaß man mich sogar.

Dann aber wurde meine Welt empfindlich erschüttert, denn meine Mutter lernte einen neuen Mann kennen.thumbnail_Männlein

Zunächst begegneten wir einander freundlich und erwartungsvoll, nicht ahnend, dass wir bald zu erbitterten Gegnern werden sollten. Allerdings hatte der Mann bereits ein Kind und ich einen Vater. Beide waren wir zufrieden mit dem, was wir schon hatten. Kein Wunder also, dass wir zunehmend enttäuscht waren, von dem Ersatz, den uns das Leben da zugespielt hatte. Der Mann hatte bereits ein fertiges Bild davon, wie ein Kind sein sollte und ich wich in so ziemlich allen Punkten davon ab. Nachdem ich schnell begriffen hatte, dass Zuneigung nicht zu erwarten war, wünschte ich mir eigentlich nur noch, dass er mich in Ruhe ließ. Mein wirklicher Vater verblasste für mich zwar zusehens aber eines wusste ich noch, er war ruhig und freundlich, niemals mein Widersacher. Der neue Vater aber hatte sich vorgenommen, mich nach seinem Willen zu formen. Wie Lehm.

Der erste Schritt der Formung war, dass ich bei meiner Mutter und ihm leben sollte. In einer Familie. Also verließ ich mit 8 Jahren meine geliebten Großeltern und ihr Haus auf dem Land, um dort zu leben, wo ich seiner Ansicht nach hingehörte. Damit etwas aus mir werden konnte. Offenbar war ich noch nichts, denn es musste erst etwas aus mir werden. Mein neuer Lebensort war eine Großstadt mit winziger Wohnung in einem grauen Mietshaus, mit einer Mutter und einem Wochenendvater. Die Wochentage waren zäh und grau für mich, denn ich mochte den Lärm und Gestank der Stadt und ihre hektischen Menschen nicht. Ich mochte den langen Schulweg nicht. Ich mochte das Essen nicht. Ich mochte die Kinder nicht, die so ganz anders waren, als die auf dem Land. Ich vermisste die Lieder, die meine Großmutter bei der Arbeit sang, die Tiere, die Kirchenglocken, den Duft von Gras und Regen und das Heraustreten aus der Tür direkt in einen Garten. Ich vermisste Menschen, die mich kannten und mir über den Kopf strichen, wohin ich auch kam. Ich war einsam. Ich war eine Fremde. Die Mutter arbeitete eigentlich immer, auch zu Hause. Das Vermissen und die Trauer um die verlorenen Dinge manifestierte sich zu einem grauen Klumpen in meinem Bauch, der mir das Essen verleidete.

An den Wochenenden kam der neue Vater und ich stach ihm ins Auge. Wie ein Dorn. Und je mehr er versuchte, mich zu verändern, desto stiller wurde ich und desto mehr wuchs auch meine stumme Abwehr. Ich wurde beinahe durchsichtig, niemand sollte mich noch bemerken. Ich wollte ein Schatten sein. Dünn und blass. In der Schule half das, meine Präsenz verschwand. Einige wenige Kinder nahmen mich noch wahr, aber nur die sehr Einfühlsamen, die man nicht täuschen kann. Und eine Lehrerin, die ich dafür sehr liebte. In der Wohnung aber gab es Mahlzeiten zu Dritt. Sich qualvoll dahinziehende Minuten unter den Argusaugen des Vaters. Mit zitternden Händen, zugeschnürter Kehle und Bissen, die immer mehr wurden im Mund. Die Ausflüge waren nicht besser. Ich war nicht das robuste fröhliche Kind, das ins Bild gepasst hätte. Dass man doch wohl erwarten durfte. Ich war nur ein bleiches Gespenst, das eigentlich immer versagte.

Bis heute weiß ich nicht warum, aber ich habe nie richtig aufbegehrt. Ich habe nie ernsthaft darum gebeten, zurück zu den Großeltern gehen zu dürfen. Ich ertrug diese Jahre still, voller Angst und Schuldgefühle. Wegen meiner Unzulänglichkeit und weil ich soviel Streit zwischen den Eltern verursachte. Dazu wurde ich immer kränklicher. Ich war eine einzige Last, während andere Kinder ihren Eltern Freude machten.

Ich will fair sein. Ich wurde nie geschlagen und ich wurde gut mit Kleidung und Nahrung versorgt. Wir fuhren im Urlaub ans Meer oder in die Berge. Ich hatte zwar kein eigenes Zimmer aber ich hatte genug Spielsachen. Ich erhielt Bildung und Förderung über den Unterricht hinaus. Ich wurde mich mehrfach zur Kur geschickt und ich war bei diversen Spezialisten, um meinen zahlreichen Zipperlein den Garaus zu machen. Das Wort psychosomatische Beschwerden kannte damals kein Mensch. Stattdessen verordnete man Eisen zum Einnehmen, orthopädische Einlagen für die Haltung und wöchentliches Schwimmen in eisigem Wasser.

Heute denke ich, es war für uns alle nicht einfach. Es gab eine Menge Erwartungen und am Ende eine Menge Enttäuschung und Schmerz für jeden von uns. Wir alle tragen unsere Narben aus dieser Zeit. Wir alle fragen uns noch immer – oder zumindest ich tue das – warum es so kompliziert war und warum wir uns nicht einfach liebhaben konnten. Deshalb habe ich auch keine Ratschläge für Menschen in ähnlichen Situationen, außer vielleicht, lasst das mit dem Formen. Lebt lieber etwas Gutes vor.“

thumbnail_Prinzessin– – – – – – – – – – – –  –

Gern dürft ihr hier eure Meinung kundtun oder mir eine Privatnachricht schreiben, wenn ihr etwas loswerden wollt, ähnliche Erfahrungen gemacht habt oder dem Autoren etwas mitteilen möchtet. Ich leite dies dann anonym weiter.

Auf baldiges Wiederlesen,

Eure Laura